Podiumsdiskussion zur häuslichen Gewalt in Erfurt

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Am vergangenen Freitag, dem 29. August 2014, hatte der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Thüringen zur Podiumsdiskussion „Sie haben die Wahl! – Unterstützungssystem gegen häusliche Gewalt in Thüringen“ in die Rotunde, dem Kantinen- und Veranstaltungsgebäude im Erfurter Regierungsviertel, geladen. Unter den knapp über 50 Gästen befanden sich neben der Gleichstellungsbeauftragten des Landes, Johanna Arenhövel, der früheren Justiz- und später Finanzministerin Marion Walsmann als Vorsitzende des Thüringer Weißen Rings, Birgit Schuster als Vortand* des Landesfrauenrates sowie Fachleuten des PARITÄTISCHEN zahlreiche Vertreter aus Regierung, Landesarbeitsgemeinschaften, Interventions- und Frauenhausarbeit und kommunalen Gleichstellungsämtern. Eines unserer Mitglieder folgte ebenfalls der Einladung.

Ins Podium waren Fraktionsvertreter folgender Parteien geladen: Madlen Henfling (Bündnis 90 / Grüne, Geschäftsführerin des Landesfrauenrates), Michael Panse (CDU, u. a. Ansprechpartner für Antidiskriminierung der Landesregierung), Thomas Kemmerich (FDP, u. a. Vorsitzender des Gleichstellungsausschusses), Birgit Pelke (SPD, u. a. Sprecherin für Familie, Frauen, Opferverbände und Sport und stellvertretende Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses) sowie Karola Stange (Die Linke, u. a. Sprecherin für Gleichstellungs- und Behindertenpolitik).

Bereits anhand der Öffentlichkeitsarbeit (Aufsteller, Broschüren und im Verlauf eingespielter Videoclip) und den einleitenden Referaten zu Beginn der Veranstaltung durch Stefan Werner (PARITÄTISCHER), Birgit Schuster (Landesfrauenrat), Johanna Arenhövel (Thüringer Gleichstellungsbeauftragte), Steffen Richter (PARITÄTISCHER) und Kathrin Nordhaus (Interventionsstelle Gera) wurde deutlich, dass häusliche Gewalt noch immer als nahezu ausschließlichliches Problem von Frauen und Kindern wahrgenommen wird. Jedoch wurde auch mehrfach, so durch die Thüringer Gleichstellungsbeauftragte, Fraktionsmitglieder von Grüne und CDU, Vertreter des PARITÄTISCHEN, aber auch der Geraer Interventionsstelle, auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen, Politik, Netzwerke und Interventionsarbeit auch auf männliche Opfer auszurichten.

Als aus unserer Sicht problematisch stellten sich mehrere Dinge dar:

1. Die Orientierung der Veranstaltung an der im Frühjahr vorgestellten EU-Studie, derzufolge jede dritte Frau in Europa von häuslicher Gewalt betroffen ist: besagte Studie hat Medienberichten zufolge weder Gewalt gegen Männer noch Partnerschaftsdynamik noch Falschbeschuldigungen berücksichtigt und bereits „Schubsen und Stoßen“ als Gewalt gewertet, die Befragungen wurden laut eines Autoren der Huffpost zufolge ausschließlich von Frauen vorgenommen und liegen europaweit lediglich in englischer Sprache vor. Die Zahlen stehen unserer Einschätzung nach im Gegensatz zur zumindest bis 2004 „rückläufigen Inanspruchnahme von stationären Aufenthalten in Frauenhäusern und Frauenschutzwohnungen (durchschnittliche Auslastung 2004: 48% (Seite 7 des Maßnahmepapieres der Thüringer Landesregierung gegen häusliche Gewalt von 2006/2007)).

2. Die in der öffentlichen Darstellung in Deutschland mit zwischen 20 und 29% benannten weiblichen Opferzahlen werden fast ausschließlich als anhaltende Bedrohung dargestellt, nicht wie von einer Fachfrau im Publikum hinter dem Vertreter unserer Initiative ergänzt mit dem Zusatz „im Verlauf ihres Lebens“ und damit als meist temporäre Bedrohung.

3. Die nach wie vor sehr einseitige Opferansprache in Medien, Schriftsätzen und Öffentlichkeitsarbeit, die allein durch die höhere männliche Hemmschwelle bislang kaum männliche Opfer anspricht bzw. erreicht.

4. Die Thüringer statistische Erfassung berücksichtigt bis heute keine männlichen Opfer. Unseren Nachfragen zufolge sind weder dem PARITÄTISCHEN, noch der Oberstaatsanwaltschaft, noch der Polizei, noch dem Landesstatistikamt entsprechende Zahlen bekannt. Einzig eine knappe Polizeistatistik aus 2013 liegt uns vor.

Interessant sind nicht zuletzt vor diesem Hintergrund weitere vorgetragene Zahlen (wenn nicht anders genannt, auf Thüringen bezogen):

– dem niedersächsischen Landeskriminalamt zufolge stehen prozentual 1 weiblichen Hellfeld- 9 Dunkelfeldopfer sowie 17 männlichen Hellfeld- 37 Dunkelfeldopfer entgegen
– über 3000 Fälle der Polizei in 2013 befassten sich mit 2100 Frauen, 810 Männern und 988 mitbetroffenen Kindern; 477 Frauen nahmen Angebote der Frauenhäuser in Anspruch
– 7000 Beratungsgespräche wurden geführt, 2300 Frauen erhielten ambulante Hilfe
– von ursprünglich 27 sind noch 14 für teilweise mehrere Landkreise zuständige Frauenhäuser übrig
– 130 Frauen konnten nicht in Frauenhäuser aufgenommen werden
– 90% der in Frauenhäuser Hilfe suchenden Frauen kommen mit ihren Kindern
– 90% der Frauen, aber nur 5% der Männer suchen Hilfe (siehe auch Punkt 3. der vorangegangenen Auflistung)
– 2013 und 2014 wurde durch das seit knapp zwei Jahren tätige Pilot-„Projekt Orange“ in Gera und Erfurt mit bislang 90 Tätern (davon 3 Frauen) gearbeitet

Tenor der Ausführungen und späteren Beantwortung von Publikumsfragen waren folgende Forderungen:

– nach stärkerer, „soliderer“ Berücksichtigung in Haushaltsverhandlungen
– nach einem Fortbestand und einer politischen Höherbewertung des Gleichstellungsausschusses
– nach einer Wahrnehmung häuslicher Gewalt als Querschnitts-(Ministerien übergreifende)Aufgabe
– nach einer besseren Finanzierung und Ausstattung
– nach einem besseren Personalschlüssel (statt 1:8 empfohlene 1:5)
– nach einer dringenden Einbeziehung der mitbetroffenen Kinder in bisher fehlende Hilfsnetzwerke

Als aus unserer Sicht positiv lassen sich neben der zunehmenden politischen wie fachlichen Wahrnehmung männlicher Opfer folgende Punkte aufführen:

– die diesbezüglich deutlichste Forderung kam von Michael Panse; ihm zufolge ist ein dringendes Umdenken von festgefahrenen Täter- / Opferschemata notwendig, eine Wahrnehmung männlicher Problemlagen in den Fraktionen ist zwingend erforderlich
– Madlen Henfling von den Grünen mahnte eine Lösung von der bisherigen Tabuisierung männlicher Opfer an
– Kathrin Nordhaus von der Geraer Interventionsstelle ergänzte die Ausführungen einer ihrer Kolleginnen, es würde auch Männern geholfen, mit den Worten, dass Männern bestenfalls ein kurzes Clearing, nicht jedoch eine ausführliche Beratung oder gar Unterbringung angeboten werden kann und insofern Angebote für Männer erforderlich sind

Unser Fazit ist:

– das derzeit erfolgende Umdenken ist eine Chance
– die politischen Forderungen der Frauen- und Gleichstellungsnetzwerke lassen bei allem Verständnis für vorgenannte Mängel bis auf wenige Ausnahmen eine Benennung des kompletten Fehlens von explizit auf Männerprobleme ausgerichtete(s) Einrichtungen, Mittel und Personal vermissen
– solange sich nicht mehr Männer engagieren und ihre Bedarfe vor fachlichen und politischen Entscheidungsträgern vortragen, wird dieses Thema auch langfristig weiterhin als Randthema wahrgenommen werden; statt in Schuldzuweisungen zu verharren, sollten Betroffene stärker selbst aktiv werden
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Bitte unterstützen Sie unter diesem Link unsere Initiative. Vielen herzlichen Dank!

*Bitte beachten Sie unseren Hinweis zur Verwendung des Sprachgeschlechtes.

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12 Kommentare

  1. Hugh

     /  September 12, 2014

    was für ein Wandel bei den Grünen. Gehen denen die Männlichen Wähler aus?
    Tönen sie doch sonst gern wenn es darum geht Gleichstellungsbeauftragte ab zu sägen, die sich zu sehr gegen Männerbenachteiligung gekümmert haben: „Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen – dies ist nicht unser politischer Wille“. Also ich würde nicht soviel darauf geben, was sie da auf dem Podium erzählen. Der Wolf hat nur Kreide gefressen.

    Antwort
    • Tristan Rosenkranz

       /  September 12, 2014

      Fakt ist, dass wir ohne Sachlichkeit und mit Pauschalisierungen nicht weit(er) kommen werden.

      Antwort
      • Claudia Sckaer

         /  September 12, 2014

        Sachlichkeit ist Recht und Gesetz, das GG, die EMRK, die UN-Menschen- UN-Kinder- und UN-Behindertenrechtskonvention einzuhalten. Sachlichkeit ist daher und daraus auch das überall enthaltene Anhörungsrecht einzuhalten. Rechtsstatus von Verleumdung und Unterstellung ist darin nirgendwo enthalten.
        Die Überwachungsorgane der staatlichen Gemeinschaft arbeiten nicht ordnungsgemäß. Dahin muss zurückgekehrt werden.
        Gewaltmissbrauch, Schädigung, die Beugung des Rechts und Folter ist verboten.
        Es müssten drastische Mittel der fehlerhaften Wache festgeschrieben werden, die ohne Aufwand für die Betroffenen durch automatische Kontrolle, die gleichfalls festgeschrieben werden muss, sofort eingreift und für sofortige Änderung sorgt. Recht und Gesetz und nichts anderes.

      • Tristan Rosenkranz

         /  September 12, 2014

        Sachlichkeit bezieht sich auf unsere Arbeit, unsere Auftreten und unsere fachliche Vernetzung. Nur so können wir etwas verändern! Wer schreit, pauschalisiert oder pöbelt, wird nicht gehört. Und zwar egal, ob von einer Stiftung dafür bezahlt, für Elternrechte Aktive zu verunglimpfen oder mit Hass in Kommentarspalten unterwegs. Damit sind nicht Sie gemeint. Es macht die Menge und Ausdauer. Je mehr sich ausdauernd gegen Missstände organisieren (statt allein zu handeln), desto höher ist die Chance, zu verändern. Je mehr ihre Ideen umsetzen, umso mehr wird davon wahrgenommen.

  2. Claudia Sckaer

     /  September 7, 2014

    Podiumsdiskussionen und keine Lösung. Es werden Gelder verbrasst und entsorgte Eltern leiden. Wo ist es denn ein Problem Eltern gleichmäßig die Kinder zukommen zu lassen. Da gibt es nichts und gar nichts. Der, der Hilfe braucht soll sie erhalten. Und der der keine Hilfe braucht der ist nicht zu diskriminieren. Ich weis nicht warum diskutiert werden muss. Mir wurde körperliche Gewalt angetan vom Vater der Kinder angetan. Die Trennung vom Kindsvater ist da. Hilfe gab es keine. Stattdessen wurde mir Gewalt angetan, wenn ich nur davon gesprochen hatte meine Kinder sehen zu wollen. Und immer wieder wurde aufgrund Lüge mir Gewalt angetan. Und ein ganzes Land lügt sich in die Hand. Und nach wie vor wird mir durch ein ganzes Land psychische Gewalt angetan. Lösung wird verweigert, stattdessen ich gequält. Ich schreie es hinaus. Das System sollte der Hilfe dienen und nicht zur Diskriminierung zur Ausgrenzung. Diejenigen die die Kinder den Eltern ausgrenzen ins Café Viereck. Ins Grab Lösung braucht keiner. Es braucht nicht diskutiert zu werden, es gehört wegen psychischem Missbrauch sofort gehandelt.

    Antwort
    • Tristan Rosenkranz

       /  September 7, 2014

      Podiumsdiskussionen sind politische Lobbyarbeit und Problem- bzw. Lösungsdiskussion politischer und sozialer Fachleute. Es gibt verschiedene familiäre Konflikte, die sich oft nur getrennt diskutieren lassen, häusliche Gewalt, Inobhutnahme/Kindesentzug oder Umgangsausgrenzung. Und es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich dagegen als Betroffener Gehör zu verschaffen. Wer z. Bsp. bei uns Mitglied ist, unterstützt (in Kooperation mit bestehenden Angeboten) unsere Projekte für eine Interventionseinrichtung für gewaltbetroffene Männer und Trennungseltern sowie, andererseits, unsere Arbeit als beratende NGO der UN bei der Überwindung von Jugendamtswillkür. Allein erreicht man oft deutlich weniger.

      Antwort
  3. Meinen Glückwunsch als Agenser und ja, Tristan: „Die Politiker quasi per Dialog in die Pflicht nehmen. „ ist mittlerweile fast schon eine Bürgerpflicht.

    Ihr seit da auf einem guten Weg. Steter Tropfen hölt nicht nur den Stein, sondern auf Dauer auch Ideologien – es dauert halt, braucht seine Zeit und bedarf eines enormen Beharrungsvermögens.

    Viel Erfolg, auch weiterhin.

    Antwort
  4. BesserePolitikFürJungenUndMänner

     /  September 1, 2014

    @Hr. Rosenkranz

    (Die Antwortfunktion funktioniert nicht).
    Interessantes Statement. Ich bin durchaus für Mehrdimensionalität. Aber die von mir o.g. Vereinigungen sind es nicht. Das sind genau die eindimensionalen DenkerInnen, die diese vorliegende Situation erst herbeigeführt haben. Sie jetzt an einer Lösungsfindung zu beteiligen ist zwar demokratisch legitim, wird aber wiederum in Eindimensionalität münden. Gerade die Grünen müßten bei mehrdimensionaler Denkweise ihre gesamte geschlechterpolitische Ausrichtung über den Haufen werfen. Das funktioniert bei Dogmatikern, seien es rechte oder linke, nicht.

    Antwort
    • Tristan Rosenkranz

       /  September 1, 2014

      Wir müssen aber mit genau dem arbeiten und weiter gehen, was wir ‚bekommen‘. Die Politiker quasi per Dialog in die Verantwortung nehmen.

      Antwort
  5. BesserePolitikFürJungenUndMänner

     /  September 1, 2014

    Nach der Entlassung der Gleichstellungsbeauftragten Monika Ebeling aus Goslar im Jahr 2007 verfasste die Fraktion der Grünen im Goslaer Stadtrat folgenden Satz: „Benachteiligungen von Männern aufzuzeigen und zu beseitigen, das ist nicht unser politischer Wille“.
    Man kann also davon ausgehen, daß die Grünen in der o.g. Veranstaltung nur eine Öffentlichkeitsarbeit sehen – Taten werden nicht folgen. Die festgefahrene feministische Opfer-Ideologie ist am stärksten durch die Grünen zementiert worden. Eine Partei, die in den Aufnahmeanträgen hier Jugendorganisation bei der Geschlechtsangabe zwischen „weiblich“ und „nicht weiblich“ wählen läßt, läßt mindestens genausoviel diskriminierendes Potential erkennen, wie die von den Grünen immer gescholtenen „rechten“ Parteien. Es mutet auch seltsam an, daß der Weiße Ring an einer solchen Veranstaltung teilnimmt. Dieser hat jahrelang durch die Gestaltung seiner Plakate Gewalt als einseitig männlich propagiert.

    Antwort

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